Ein kleines schwarzes Mädchen von Chicagos Southside
Das Benedict College an einer Ausfallstraße von Columbia liegt ziemlich genau an der Grenze zwischen den weißen und schwarzen Wohnvierteln der Hauptstadt von South Carolina. Hinter dem College werden die Straßen noch trostloser, als sie es hier ohnehin sind. Hier, in der Kapelle des Colleges versammeln sich an diesem Sonntag die herausgeputzten afroamerikanischen Aufsteiger, die durch Bildung den Weg in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben. Sie kommen, um eine der Ihren zu hören: Michelle Obama, die erfolgreiche Juristin und potenzielle erste schwarze First Lady der USA.
Sie sehr groß, sieht in ihrem schwarzen Kleid blenden aus, aber sie fühle sich noch immer als das "kleine schwarze Mädchen aus Chicagos Süden". Und sie appelliert an ihre Zuhörer, nicht mit dem eigenen Erfolg zufrieden zu sein - sondern auch zu geben. "Lasst es Euch nicht einreden, Ihr müsstet immer schneller, härter und gerissener sein als alle anderen", ruft Michelle in die Kapelle. Genau dieses Denken habe "die Seele der amerikanischen Nation" zerbrochen, habe das Verantwortungsgefühl der Menschen für einander zerstört. Und nur Barack Obama, "mein Mann, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten", stehe als einziger der Kandidaten für den fundamentalen Wechsel, der Amerika wieder einig und groß machen könne.
Das könnte pathetisch klingen, fast arrogant an. Aber Michelle Obama erläutert das Programm von "Change and Hope" so nah an der Lebenswelt ihrer Zuhörer, dass man sich ihrer Botschaft kaum entziehen kann. Darum ist ihre Rede so viel effektiver als die vielen Wahlkampfreden - und auch viel besser als diejenige, die ihr Mann wenige Stunden später in Columbias Convention Center halten wird, so charismatisch er auch ist.
Für die große Sache, für die Kinder Amerikas
Michelle Obama redet völlig unprätentiös. Ja, ihr Mann bewerbe sich immer noch um die Präsidentschaft, all der Rückschläge, der Kritik und der Härten des Wahlkampfes zum Trotz. Aber sie wolle sich nicht beklagen - "uns geht es blendend". Ihr selbst, ihrem Mann und auch den sechs- bzw. neunjährigen Töchtern Maria und Sascha. "Barack hatte gestern zwei Stunden Zeit nur für sie - und sie haben zwei Stunden lang nur geredet", berichtet sie. Gerade für sie nähmen sie die ganzen Strapazen schließlich auf sich: "für unsere eigenen Kinder, für alle Kinder Amerikas".
Sie zeichnet ein schonungsloses Bild der amerikanischen Gesellschaft, die zerrissen sei, sich nicht mehr kenne, immer zynischer werde und aus Angst heraus falsche Entscheidungen treffe. Mit ihren 44 Jahren sei sie noch jung, ruft sie aus. Aber sie fühle sich alt, wenn sie sehe, wie weit sich Amerika während ihres Lebens von seinen Ursprüngen entfernt habe.
Früher, als sie in einer Arbeiterfamilie im sicher nicht idyllischen Süden von Chikago aufwuchs, sei alles ganz anders gewesen. "Mein Leben war so einfach, und so schön." Ihr Vater habe es allein mit seiner eigenen Arbeit geschafft, die zwei Töchter durch das College zu bringen. "Und meine Mutter konnte es sich damals noch leisten, zu Hause zu bleiben und uns zu erziehen." Damals habe es sie noch gegeben, die guten Schulen, die guten Lehrer, die ihr den Weg nach Princeton und nach Harvards geebnet hätten, in die höchsten Bildungseinrichtungen des Landes.
Das Leben der "regular folks" ist so hart geworden
Wie anders sehe es heute aus. Die Politik in Washington, egal ob unter demokratischer oder republikanischer Führung, mache das Leben für die einfachen Menschen so unglaublich hart. Eine normale Familie könne es sich heute einfach nicht mehr erlauben, ihre Werte zu leben: die Kinder selbst zu erziehen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen und ihnen ein anständiges Essen zu kochen. "Die Eltern schaffen es nicht. Und das macht sie bitter."
Sie weiß, wovon sie redet. Sie und Barack zählten sich noch immer zu den normalen Leuten, zu den "regular folks". "Wir haben erst vor drei Jahren unsere Stipendien zurückgezahlt. Und das konnten wir auch nur, weil Barack zwei Bestseller geschrieben hat. Wie soll man das sonst auch leisten: seine eigenen Bildungsschulden abzutragen, wenn man doch schon Rücklagen für die Bildung der eigenen Kinder ansparen soll."
Doch damit müsse an sich nicht zufrieden geben. "Barack sagt, wir haben die Wahl. Wir sind eine reiche Nation und müssen uns nur entscheiden, ob wir die Milliarden für den Krieg ausgeben wollen, oder für Bildung und Gesundheit". Wie gute Bildung aussieht wisse man ja, nur seien die wenigen guten Schulen bislang nur für die wenigen Glücklichen da.
We are not tought? We live in Chicago!
Und darum brauche man eine völlig neue Führung, nur nicht wieder jemanden aus der Washingtoner Politik-Kaste. Für diesen Wandel stehe Barack Obama, er habe den richtigen Charakter dafür, die richtige Erfahrung. Offensiv widerspricht Michelle Obama der verbreiteten Kritik, ihr Mann sei eben doch zu jung, zu unerfahren für ein solches Amt.
"Mein Mann macht seit vielen Jahren die richtigen Dinge, er hat immer wieder die guten Sachen gemacht, auch dann, wenn man sie nicht sieht - und das nennen sie jetzt Unerfahrenheit!" Baracks Mutter, ein 18jähriges Mädchen aus Kansas sei damals völlig naiv gewesen, als sie mit einem Gaststudenten aus Kenia ihr Kind bekommen habe. Aber sie habe die Welt bereist und Barack eine Erfahrung mit anderen Kulturen geschenkt, wie sie sonst kaum ein anderer Amerikaner habe.
Nach dem Studium hätte er natürlich an die Wall Street gehen können, aber nein, er habe als Gemeindearbeiter in einer der härtesten Nachbarschaften Chikagos gearbeitet. "Stellt Euch einen Präsidenten der USA vor, der mit dieser Erfahrung ins Oval Office einzieht." Danach sei er Anwalt geworden, wie so viele andere. "Auch ich bin Anwalt, es gibt viel zu viele Anwälte, fast jeder Kandidat für das Präsidentenamt ist Anwalt - aber die sind damit alle Millionäre geworden." Nicht so Obama. Statt dessen habe er mit Bürgerrechtlern gearbeitet.
Und der Vorwurf, er sei nicht hart genug, sei zu naiv? "Jemand, der in Chicago auf der Straße gearbeitet hat, der weiß, dass Hoffnung allein nicht genug is." Acht Jahre lang habe Barack im Staatssenat von Illinois gearbeitet, einem der härtestes Plaster Amerikas. "We are not tought enough!? We live in Chicago", hält Michelle den Zweiflern entgegen.
Barack ist bereit - aber sind wir bereit für ihn?
Und ein letztes Beispiel für seine Integrität: Der Krieg im Irak. "Das sind doch die Fakten: Wir sind in diesem Krieg, weil wir Angst gehabt haben, weil Washington Angst vor den angeblichen Massenvernichtungswaffen hatte." Barack, als einziger unter allen ernstzunehmenden Kandidaten, habe nicht dafür gestimmt.
Damit sei klar, Barack Obama ist nach den "years of experience in the shadows" bereit für das höchste Amt der Welt. "Die Frage ist nur: sind wir dafür bereit? Es gibt eine klare Wahl: entweder es geht weiter wie bisher, oder wir wählen Barack, etwas anderes gibt es nicht." Nun sei es an jedem einzelnen, seine Entscheidung zu treffen. Die Wahl am Samstag in South Carolina sei der erste Schritt dahin: "Stellt Euch vor, wenn wir das hier schaffen, war wir dann in der Welt erreichen können!"
Kommentare
Mo, 06.09.2010 22:18
I'm proud of him, he is the be st..I stand fully behind him
Fr, 28.05.2010 18:39
Historischer Umbau? Du hast sc hon mitbekommen, dass von den ursprünglichen Plänen nicht vi el übrig geblieben ist u [...]
So, 14.02.2010 12:48
Herzlichen Dank für die Überse tzung. Auch wenn ich gewusst h ätte, dass es später eine Über setzung geben würde, ich [...]
Mi, 20.01.2010 00:29
Eine Einordnung, die Ihrer ähn elt, hat der großartige Robert Misik in seinem Videocast für den Standard abgegeben. [...]
Di, 05.01.2010 18:06
super gemacht.I like it.sehr d eutlich und gut zusammengefass t.